Meine Kinobesuche halten sich in Grenzen, aber der neue Film von Luke Gasser aus OW durfte ich nicht verpassen, zumal er ganz in der Nähe im Kino afm in Stans läuft. Also nichts wie los in die Vorabendvorstellung für nur Fr. 15.- zusammen mit fünf anderen Zuschauern. Nun denn, der Streifen hat eindeutig mehr Publikum verdient und dies aus folgenden Gründen: Die Figur von Tell ist seit jeher umstritten, teils wird seine Existenz in Zweifel gezogen (milde ausgedrückt) oder seine Existenz zur Legende umgewandelt. Während viel älteren, weil berühmteren Leuten in historischen Werken eine ausführliche Bio verpasst wird, streitet man sich unter Historikern weiter über Leben und Wirken des Tell. Insofern tut die Neuaufnahme dieses (nennen wir es mal) Stoffes gut, denn Gasser bringt die “alte” Geschichte in einer “modernen” auf die Bühne, d.h. auf die Leinwand. Grundsätzlich hält er sich an die von Schiller gewählte Darstellung der Ereignisse unter besonderer Berücksichtigung des Weissen Buchs von Sarnen des Landschreibers Hans Schriber.
“Hans Schriber war ein Schweizer Landschreiber, Notar, Tagsatzungsgesandter und Schiedsrichter. Er war der Autor des Weissen Buchs von Sarnen, in dem die Tell-Legende erstmals niedergeschrieben wurde. Damit prägte Schriber in besonderem Masse die Identität der Schweiz.” (Wikipedia)
Gassers Film fesselt den Zuschauer von Anbeginn an sowohl mit historischen Fakten als auch moderner Action. Während der rund 2 1/2 Stunden kommt nie Langweile auf, sondern man erwartet gespannt, wie sich die (eigentlich bekannte) Geschichte entwickelt (das epische Theater von Brecht lässt grüssen). Und siehe da: Dann und wann findet Gasser eine ganz eigenwillige Interpretation der Geschehnisse wie auch der Charaktere. Die damaligen Freien kommen eher schlecht weg, weil sie mit den Habsburger Vögten gemeinsame Sache machen, um ihre Privilegien nicht zu verlieren. Einzig Tell lässt sich nicht unterkriegen, sondern kämpft für Freiheit und Gerechtigkeit. Im Film fand ich mich denn auch immer wieder an Figuren wie die Vikinger (Netflix), Robin Hood (der aus dem Sherwood Forest) sowie Rambo (Sylvester Stallone) erinnert. Aber alles im Rahmen und eigenständig inszeniert. Manchmal musste ich auch über einzelne Dialoge schmunzeln, wo man das Wort “Habsburg” mühelos durch den Begriff “EU” hätte ersetzen können. Insgesamt aber ein Film, den ich als ehemalige Geschichtslehrperson auf jeden Fall mit meinen Klassen angesehen hätte!
Auch für gestandene Schweizerinnen und Schweizer wäre es ein Anlass, sich so kurz vor den Parlamentswahlen wieder einmal mit unseren Grundwerten auseinanderzusetzen. Der Film-Tell wiederholt immer wieder, was er unter Demokratie versteht und dass es sich lohnt, sich für sie einzusetzen. So gibt es von mir 5 von 5 Sternen für Luke Gassers Streifen.
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