Der Roman basiert auf einer – im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes – ver­rück­ten Idee: Robin­son Cru­soe gelingt nach vie­len Jah­ren der Ein­sam­keit auf einer Tro­pen­in­sel die Flucht zurück in die Zivi­li­sa­ti­on. Auf einem Con­tai­ner­schiff gelangt er zur Schild­krö­ten­in­sel, die im Her­zen von Euro­pa liegt. Aber nebst der wei­ten Rei­se erlebt er auch einen Zeit­sprung aus dem 17. ins 21. Jahr­hun­dert und erfährt so, wie das Leben in einem Staat abläuft, der sich von jeg­li­chen aus­län­di­schen Ein­flüs­sen abzu­schot­ten ver­sucht und des­sen Ein­woh­ner ganz ande­re Wert­vor­stel­lun­gen haben als er. Der Roman ist Anfang 2016 im BoD Ver­lag erschie­nen und im Buch­han­del als Taschen­buch sowie als E‑Book erhält­lich.

Textauszug

Abschied und Ret­tung

In letz­ter Ver­zweif­lung wag­te ich einen erneu­ten Ver­such, die ver­wun­sche­ne Insel Calo­ra, auf der ich 28 Jah­re, sechs Mona­te und zwölf Tage gefan­gen war, auf einem selbst gebau­ten Floss zu ver­las­sen. Frei­tag und eini­ge ande­re Dorf­be­woh­ner hat­ten mir gehol­fen, Bäu­me zu fäl­len und eine soli­des Floss zu zim­mern. Kurz nach Son­nen­auf­gang ver­ab­schie­de­te ich mich von ihnen mit dem Ziel, zur weit ent­fern­ten Angel Island, mei­ner Hei­mat, zu gelan­gen. Die Sehn­sucht danach zer­riss mich und ich wünsch­te mir instän­dig, ein paar Jah­re bis zu mei­nem Tod in mei­ner klei­nen Hei­mat­stadt zu ver­brin­gen, von der ich vor ewi­gen Zei­ten auf­ge­bro­chen war, um die Welt zu ent­de­cken. Aber es soll­te anders kom­men …

Wind und Strö­mung trie­ben mich lang­sam vom Ufer weg. Mei­ne Augen hin­gen stun­den­lang an der klei­nen Tro­pen­in­sel, auf der ich lan­ge Zeit gefan­gen war, die aber trotz­dem zu einer Art zwei­ten Hei­mat wur­de. Viel hat­te sich dort in all den Jah­ren ereig­net, dass für mich ein Leben aus­ser­halb der Gren­zen die­ser Insel, die ich wegen der per­ma­nen­ten Hit­ze Calo­ra nann­te, kaum mehr vor­stell­bar war. Die schwa­chen Erin­ne­run­gen an mei­ne Kind­heit und Jugend­zeit in einer ärm­li­chen Klein­stadt auf der Angel Island waren jedoch nicht voll­stän­dig gelöscht, Erin­ne­run­gen, die mich all die Jah­re am Leben hiel­ten und mir immer wie­der neue Hoff­nung ver­lie­hen.

Meh­re­re Male hat­te ich ver­sucht, in einem Ein­baum oder auf einem Floss mei­nen Zufluchts­ort zu ver­las­sen. Aber jedes Mal warf mich die See schon nach kur­zer Zeit an den Strand oder auf die Fel­sen zurück, wie wenn die Zeit für die Heim­kehr noch nicht reif wäre. Ich akzep­tier­te das Urteil für eini­ge Zeit, bis mich die Sehn­sucht wie­der pack­te und ich einen neu­en Ver­such wag­te. Mei­ne Mit­be­woh­ner konn­ten mei­ne Unrast und Unru­he nie ganz ver­ste­hen, denn für sie war ein Leben aus­ser­halb der Insel schlicht unvor­stell­bar. Aus­ser einer Hand­voll Schiff­brü­chi­ger waren die meis­ten von ihnen auf Calo­ra gebo­ren wor­den und sie waren ein ent­beh­rungs­rei­ches Leben in einem ein­fa­chen, wenn auch geschütz­ten Rah­men, gewohnt. Jeder war für den ande­ren da, weil man wuss­te, dass ein Über­le­ben nur in der Gemein­schaft mög­lich war. Gemein­sam hat­ten wir Pira­ten und Kan­ni­ba­len getrotzt, hat­ten Unwet­ter, Hun­ger und Durst über­stan­den und uns eine Hei­mat gebaut, auf die wir stolz waren und die wir bis in den Tod zu ver­tei­di­gen bereit waren. Als Dank schenk­ten uns das Meer und die Insel alles, was wir zum Leben brauch­ten. Wir leb­ten vom Fischen, von Vieh­zucht und Acker­bau, aber auch von den wil­den Früch­ten und Bee­ren, die im Tro­pen­wald zu fin­den waren. Wenn uns kei­ne Krank­hei­ten plag­ten, unse­re Vor­rä­te voll waren und wir unse­ren Frie­den hat­ten, wähn­te ich mich gele­gent­lich in einem klei­nen Para­dies. Aber ein ein­zi­ges Unwet­ter konn­te unse­re gan­ze Ern­te ver­nich­ten, unse­re Sied­lun­gen zer­stö­ren und die Flu­ten ris­sen Mensch und Tier mit sich fort. Es gab kei­ne Sicher­hei­ten und man lob­te aus die­sem Grund den Tag nie­mals vor dem Abend.