Die­se Samm­lung von Kurz­ge­schich­ten ent­springt auto­bio­gra­fi­schen Erfah­run­gen und Erleb­nis­sen. Die zeit­lo­sen Tex­te spre­chen von per­sön­li­chen Begeg­nun­gen, schmerz­haf­ten Erin­ne­run­gen und lus­ti­gen Bege­ben­hei­ten. Jede Geschich­te ent­hält eine Dra­ma­tik, die auf­grund der Umstän­de ein­zig­ar­tig ist. Leben und Tod spre­chen in allen Schat­tie­run­gen aus ihnen her­vor – die Lese­rin bzw. der Leser ken­nen ähn­li­che Bege­ben­hei­ten aus ihrem eige­nen Leben.

In der Manier einer Zeit­lu­pen­auf­nah­me wer­den die kur­zen Tex­te prä­sen­tiert. Dadurch bekommt jede Geschich­te ihr eige­nes Gesicht und Gewicht. Komik und Tra­gik ver­bin­den sich zu einem untrenn­ba­ren Gan­zen.

Textauszug

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Gera­de hat­te ich die Mit­tags­nach­rich­ten im Fern­se­hen ein­ge­schal­tet, als ich den Turm mit sei­ner schwar­zen Rauch­fah­ne erblick­te, vor dem ich vie­le Jah­re zuvor sel­ber ein­mal gestan­den hat­te. Es war an einem Diens­tag, kurz vor Mit­tag. Eigent­lich soll­te ich an einem Arbeits­lunch teil­neh­men, zusam­men mit mei­nen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, oben im Sit­zungs­zim­mer. Gebannt stand ich im Klas­sen­zim­mer und starr­te auf den Bild­schirm mei­nes TV-Geräts, auf dem sich Unge­heu­er­li­ches ereig­ne­te. Die Live-Schal­tung war echt, kein Zwei­fel. Es han­del­te sich nicht um einen jener Spiel­fil­me der übels­ten Sor­te. Nein, da war alles echt: die Tür­me, das Feu­er, der Rauch, die Repor­ter, das Geschrei der Men­schen und das Heu­len der Sire­nen. Bald war mir klar, dass kei­ne Feu­er­wehr der Welt die­ses Unheil stop­pen oder den ange­rich­te­ten Scha­den wie­der gut­ma­chen konn­te. Aber trotz allem sag­te eine Stim­me in mir, dass dies alles nicht real sein konn­te.

Nach weni­gen Minu­ten sprang ich die Trep­pe hin­auf ins Sit­zungs­zim­mer, wo sich bereits eini­ge Kol­le­gen auf­hiel­ten. Ich berich­te­te ihnen vom eben Gese­he­nen, wor­auf wir gemein­sam wie­der nach unten rann­ten und bestürzt die unfass­ba­ren Bil­der wider­wil­lig in uns auf­sogen. Es konn­te ein­fach nicht sein, dass ein Turm von die­ser Grös­se in Flam­men stand. Und kurz dar­auf auch der zwei­te. War es ein Flug­zeug oder nur der dunk­le Schat­ten eines sol­chen? Die unge­heu­re Explo­si­on liess das Schlimms­te erah­nen. Kur­ze Zeit spä­ter sah man, wie sich an den Sei­ten der vier­hun­dert Meter hohen Gebäu­de Men­schen in den Tod stürz­ten, um nicht in den Flam­men umzu­kom­men. Es war sur­re­al und unvor­stell­bar, dass sich so etwas ereig­nen konn­te. In schlech­ten Hol­ly­wood-Strei­fen taucht an die­ser Stel­le und just in die­sem Augen­blick jeweils ein Held, ein Super­man, auf, um das Böse auf­zu­hal­ten und die Unschul­di­gen zu ret­ten. Aber ver­geb­lich hoff­ten wir auf einen Deus ex machi­na. Sogar die Kame­ra­leu­te schie­nen ihren Augen nicht zu trau­en. Jeden­falls lies­sen sie das Bild ste­hen, das für sich sprach und das kei­ne kurz­at­mi­gen Schnit­te benö­tig­te, um unser Blut gefrie­ren zu las­sen. Die schwar­ze Rauch­fah­ne wur­de immer län­ger und dich­ter, sie bedeck­te das gan­ze Stadt­zen­trum und setz­te sich in unse­ren See­len fest.

Nach einer gefühl­ten Ewig­keit mein­te ein Kol­le­ge, wir soll­ten jetzt eigent­lich die Sit­zung abhal­ten. Er ver­liess das Zim­mer und die ande­ren folg­ten ihm. Schliess­lich mach­te ich mich wider­wil­lig eben­falls auf den Weg nach oben, ohne den Fern­se­her aus­zu­schal­ten, in der Hoff­nung, bei mei­ner Rück­kehr ein Hap­py End vor­zu­fin­den. Die Sit­zung ver­lief ohne mich. Die bei­den bren­nen­den Tür­me und die schwar­ze Rauch­fah­ne ver­ne­bel­ten mir den Blick auf die Trak­tan­den­lis­te. Ich ver­nahm zwar die Stim­men mei­ner Arbeits­kol­le­gen, ihren Aus­füh­run­gen ver­moch­te ich jedoch nicht zu fol­gen. Mein gan­zer Kör­per war von einer tie­fen Ungläu­big­keit ver­schlun­gen wor­den und liess mich kei­nen ver­nünf­ti­gen Gedan­ken mehr fas­sen. Aus­ser­dem erschie­nen mir die bespro­che­nen The­men der­art nich­tig und klein, ange­sichts die­ses his­to­ri­schen Unheils, wel­ches die Welt für immer ver­än­dern wür­de. Und dabei mein­te ich nicht nur die Welt, son­dern auch mei­ne Welt mit ihren Gesetz­mäs­sig­kei­ten und Regeln. Die unter­schied­li­chen Rea­li­tä­ten droh­ten mich zu zer­reis­sen, aber ich ver­harr­te am Tisch bis zum bit­te­ren Ende der Sit­zung.

Als ich wie­der ins Klas­sen­zim­mer kam, bot sich mir der glei­che Anblick wie zuvor. Nur dass das Feu­er sich inzwi­schen durch zusätz­li­che Stock­wer­ke gefres­sen hat­te und die Rauch­säu­len der bei­den Tür­me noch dunk­ler und bedroh­li­cher waren. Ich hock­te mich auf die vor­ders­te Bank und ver­such­te mich zu fas­sen. Da pas­sier­te, was ich von Anfang befürch­tet hat­te, aber nicht zu den­ken wag­te. Der ers­te der bei­den Tür­me sack­te sekun­den­schnell in sich zusam­men, kurz dar­auf auch der zwei­te. Wäh­rend mir der Atem stock­te und ich nach Luft rang, schos­sen mir Trä­nen in die Augen. Trä­nen der Trau­er und Trä­nen der Wut. Trau­er über die Tat­sa­che, dass mein hei­les Bild der west­li­chen Welt wie ein Kar­ten­haus ein­stürz­te. Wut auf jene Men­schen, die imstan­de waren, eine sol­che Schand­tat zu voll­brin­gen. Und wäh­rend für die Hel­fer und Opfer in Man­hat­tan jede Minu­te, jede Sekun­de zähl­te, blieb für mich an jenem Diens­tag­nach­mit­tag einen Augen­blick lang die Zeit ste­hen.

Aus: Lupen­zei­ten, Ultra­kurz­ge­schich­ten