Unzu­frie­den mit sei­ner bis­he­ri­gen Exis­tenz begibt sich ein jun­ger Mann auf eine aben­teu­er­li­che 40-tägi­ge Rei­se durch Bra­si­li­en, Boli­vi­en und Peru bis zur Rui­nen­stadt Machu Pic­chu. Unter­wegs begeg­net er ver­schie­de­nen Men­schen und Situa­tio­nen, die sei­ne Zer­ris­sen­heit zwi­schen Innen- und Aus­sen­welt noch ver­stär­ken. Es ist eine Rei­se von der Gegen­wart durch die Ver­gan­gen­heit in eine unge­wis­se Zukunft, aber auch eine Begeg­nung mit der rea­len Geo­gra­fie und Geschich­te Latein­ame­ri­kas. Traum und Wirk­lich­keit ver­schmel­zen, das bis­he­ri­ge Leben wird in Fra­ge gestellt. Wird er am Ende sein Glück fin­den? Machu Pic­chu erschien 2015 im Vin­do­bo­na Ver­lag.

Textauszug

Tag 2

Die Ankunft in São Pau­lo erfolg­te um 6 Uhr mor­gens. Die düs­te­re, tris­te Indus­trie­stadt – oder was er davon zu sehen bekam – erlaub­te kei­nen Ver­gleich mit der son­ni­gen Metro­po­le Rio de Janei­ro und ihren end­lo­sen Sand­strän­den. Zwei Stun­den spä­ter roll­te der Express de Pra­ta, der Sil­ber-Express, in Rich­tung Bau­ru, einer 300000 See­len­stadt im Bun­des­stadt Sao Mikeo, wo er 4 ½ Stun­den spä­ter in der hoch­mo­der­nen Rodo­vi­a­ria anlang­te. Bevor er den Oni­bus Urba­na, den städ­ti­schen Bus, zum Bahn­hof, der Fer­ro­vi­a­ria, nahm, woll­te er noch etwas Pro­vi­ant für die nächs­te Etap­pe besor­gen; aber einen offe­nen Lebens­mit­tel­la­den in die­sem Pro­vinz­städt­chen zu fin­den, war zu die­ser frü­hen Mor­gen­stun­de nicht ein­fach. Die Zug­pas­sa­ge von Bau­ru nach Corum­ba lag am Schal­ter bereit. Sie hat­te ihn im Unter­schied zu den Bus­ti­ckets ein klei­nes Ver­mö­gen gekos­tet, aber er leis­te­te sich ein Dor­mitò­rio, was einer sepa­ra­ten Kabi­ne ent­sprach, die über ein beque­mes Bett sowie ein alt­mo­di­sches Wasch­be­cken mit flies­sen­dem Was­ser, einen auf­klapp­ba­ren Spie­gel, einen stöh­nen­den Ven­ti­la­tor, elek­tri­sches Licht, viel Abla­ge­flä­che sowie ein Fens­ter, das sich hoch­schie­ben liess und mit dunk­len Vor­hän­gen gedeckt wer­den konn­te, ver­füg­te.

Zur Fei­er des Tages hat­te er sich einen Platz im Restau­rant-Wagen in der Mit­te der Zug­kom­po­si­ti­on reser­vie­ren las­sen, wo er gegen 9 Uhr ein feu­da­les Mal zu sich nahm: Beef, Arroz e Fei­jao mit Spa­ghet­ti – eine die­ser unheil­vol­len kuli­na­ri­schen Kom­bi­na­tio­nen – Toma­ten­sa­lat, grü­ner Salat, Bier, Cola und Gua­narà, eine süss­li­che Limo­na­de made in Bra­zil. Die äus­serst freund­li­che Bedie­nung fiel ihm auf, auch wenn er sich bald nicht mehr an sie erin­nern soll­te.

Er genoss die­se üppi­ge Mahl­zeit im Bewusst­sein, dass es auf sei­ner Rei­se in den nächs­ten Wochen wohl beschei­de­ner zu- und her­ge­hen wür­de. In einer Tages­zei­tung las er bei einem Cafe­z­in­ho, dass die Seleçao Bra­si­lei­ra die deut­sche Fuss­ball-Elf mit 4:1 Toren geschla­gen hat­te und somit am Sams­tag gegen Uru­gu­ay im Final des Süd­ame­ri­ka-Cups, der Mun­dia­li­to, spie­len wer­de. Eine wei­te­re Revan­che für die Schmach vom 16. Juli 1950, als die Fuss­ball-Nati­on Bra­si­li­en durch die 2:1 Nie­der­la­ge gegen eben die­ses Uru­gu­ay im WM-Final zu Hau­se im Estadio Muni­ci­pal do Mara­ca­na vor nahe­zu 200000 fana­ti­schen Fans vom Fuss­ball-Olymp ins Elend gestürzt wur­de. Seit­her spiel­te die bra­si­lia­ni­sche Natio­nal­mann­schaft nie mehr in weis­ser Klei­dung, und dem schul­di­gen Tor­wart Bar­bo­sa wur­de 43 Jah­re spä­ter noch der Zutritt zu einem Trai­ning der Seleçao ver­wehrt, aus Angst, er kön­ne Unglück brin­gen.

Zufrie­den liess er die dunk­len Umris­se der tro­pi­schen Land­schaft an sich vor­über­zie­hen und liess sich auch nicht durch einen jun­gen Jesus-Anhän­ger aus der Ruhe brin­gen, der die Mit­rei­sen­den vom dro­hen­den Welt­un­ter­gang war­nen woll­te. Um 23 Uhr über­quer­te der Zug den Rio Paranà, wo die Uhren um eine Stun­de zurück­ge­stellt wer­den muss­ten.